Ein Werk zwischen den Kulturen

Über Michael Ondaatje

1943. In den Kriegswirren finden vier Menschen in einer zerbombten Villa in der Nähe von Florenz Zuflucht: Der "englische Patient", ein Flieger, der über der nordafrikanischen Küste abgestürzt ist, ein schwarz verbrannter Körper und eine Stimme, mehr nicht; ein ehemaliger Dieb und Alliiertenspion; ein junger Sikh aus dem Pandschab, Spezialist im Entschärfen von Bomben; Hana, eine kanadische Krankenschwester, die den Sterbenden ebenso liebevoll pflegt wie den verwilderten Garten der Villa. Erst allmählich kristallisiert sich die Geschichte eines jeden von ihnen heraus, und es entsteht ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht aus Vergangenheit und Gegenwart.

Soviel zur Handlung von Michael Ondaatjes Bestseller "Der englische Patient", der 1993 bei Hanser erschien. Vielen ist der gleichnamige, 1997 mit neun Oscars ausgezeichnete Film im Gedächtnis geblieben. Der Roman erhielt 1992 den Booker Prize. Die Jury des Nelly-Sachs-Preises, der Ondaatje 1995 zugesprochen wurde, hebt in ihrer Begründung hervor: "Wir zeichnen mit Michael Ondaatje eine Persönlichkeit aus, die in ihrem Werk das Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Gruppen schildert und damit das Verständnis zwischen den Kulturen fördert." Die Figuren im "Englischen Patienten" sind Weltbürger, die überall zu Hause sein könnten, sie sind, wie es im Buch heißt, "internationale Bastarde - geboren an dem einen Ort, entschlossen, woanders zu leben".

Einer der bedeutendsten kanadischen Schriftsteller

Eine Charakterisierung, die vor allem auf den Autor selbst zutrifft. Ondaatje ist holländisch-tamilisch-singhalesischer Abstammung, und er ist einer der bedeutendsten kanadischen Schriftsteller. Geboren wurde er 1934 in Colombo, auf der Insel, die damals noch Ceylon und nicht Sri Lanka hieß, wo er die ersten neun Jahre seines Lebens verbrachte. Nach der Trennung der Eltern emigrierte er mit der Mutter nach England - seinen Vater, einen Plantagenbesitzer, sollte er nie wiedersehen. Der Schulausbildung in London folgte 1962 das Studium der Englischen Literaturwissenschaft in Kanada, zunächst an der Universität von Lennoxville, dann in Toronto und schließlich in Kingston. Von 1983 an hat er viele Jahre Englische Gegenwartsliteratur am Glendon College in Toronto gelehrt, wo er noch heute lebt. Zusammen mit seiner Frau Linda Spalding gibt er die literarische Zeitschrift "Brick" heraus. Und er schreibt.

Seine Bücher sind oftmals keiner Gattung zuzuordnen

Seine ersten Veröffentlichungen waren Gedichtbände, mit denen er sich in seiner Wahlheimat schon bald einen Namen machte. Auf deutsch ist erhältlich: "Handschrift" (1998, dt. 2001). 1970 erschienen "Die gesammelten Werke von Billy the Kid" (dt. 1997), eine Collage aus Gedichten, Auszügen aus Comic-Heften, zeitgenössischen und nachgestellten Photos und abenteuerlichen Geschichten von Wahnsinn und Gewalt. Ondaatje erkundet in diesem Buch über den jungen Desperado wie in seinen späteren Werken einen Mythos und dessen Entstehung.

"Buddy Boldens Blues" (1976, dt. 1995) handelt vom Leben des legendären Kornettisten Buddy Bolden, jenem Mann, von dem es heißt, er habe den Jazz erfunden. Das Buch ist zugleich Wahrheit und Fiktion, eine Mischung aus Interviews, Protokollen von Tonbandaufnahmen und imaginierten Gesprächen und Monologen.

Auch Ondaatjes persönlichstes Buch ist keiner Literaturgattung eindeutig zuzuordnen. In zwei ausgedehnten Reisen ins Land seiner Geburt, das als "Träne am Indischen Ozean" bezeichnet wird, machte sich Ondaatje auf die Suche nach seinen Wurzeln. "Es liegt in der Familie" (1982, dt. 1992), ist das Resultat seiner Eindrücke und Erlebnisse. Es ist zugleich fiktionalisierte Kindheitserinnerung, Reisebericht und vor allem eine Suche nach der verlorenen Zeit voller unvergeßlicher Anekdoten: von der Mutter, die bei einem Kostümball als Hummer auftrat; von der Großmutter, die einmal ihren künstlichen Busen verlor; und von Ondaatjes Begegnung mit einem Thalagoya-Krokodil.

Viele Jahre später sollte Ondaatje die geheimnisvolle Insel mit der betörend schönen Landschaft ins Zentrum eines Romans stellen. "Anils Geist" (2000, dt. im selben Jahr) erzählt von der Rückkehr einer jungen Frau nach Sri Lanka, die ein Land kennenlernt, das von Religion, Tradition und Magie bestimmt wird.

Sein Werk bewegt sich zwischen den Kulturen

Ondaatje schafft Literatur, bei der Mythen und Legenden mit einer westlich geschulten Wahrnehmung zusammentreffen. Sein Werk bewegt sich zwischen zwei Kulturen. In den autobiographischen Geschichten des Bandes "Es liegt in der Familie" und in "Anils Geist" schöpft er aus seiner Herkunft. Den Abenteuer- und Großstadtroman "In der Haut eines Löwen" (1987, dt. 1990), ein Porträt Kanadas zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, widmet er hingegen seiner neuen Heimat. Wie immer bei Ondaatje sind auch hier die Grenzen zwischen Realität, Erfindung und Legende fließend.

Man spürt seine Liebe zum Jazz und zum Kino

Ondaatjes Oeuvre merkt man die Liebe des Autors zum Jazz und zum Kino an. Seinen Kindheitstraum, Jazzpianist zu werden hat er nicht verwirklicht. Mit dem Film allerdings hat er sich eingehend beschäftigt und ist auch als Regisseur und als Drehbuchautor erfolgreich. 2002 erschien sein Buch über das Handwerk des Cutters: "Die Kunst des Filmschnitts. Gespräche mit Walter Murch" (dt. 2005).

Mit den Begriffen "postmodern" und "multikulturell" kann das Werk dieses außergewöhnlichen Autors nur unzulänglich beschrieben werden. Was Ondaatjes Leser am meisten bewundern, ist seine Fähigkeit, in einem einzigen Detail eine ganze Welt entstehen zu lassen: Eine reiche Bilderwelt, exakt geschilderte Realien und eindringliche emotionale Wahrheiten stehen dabei im Einklang.

So auch in seinem neuen Roman "Divisadero", einer Geschichte von Spielern und Waisen, Außenseitern und Künstlern, also wieder von "internationalen Bastarden" und von verschlungenen Wegen auf zwei Kontinenten.

Foto © Isolde Ohlbaum
 

Die Stimme des Autors

Michael Ondaatje liest aus:
Michael Ondaatje
Spiegelwelt der Kunst
Gedichte
Mit freundlicher Genehmigung von HörbuchHamburg.
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